Schadet die Sonne der Gesundheit?

13.08.2013 11:19:00 von Leopold Bergmann

Vitamin D-Synthese - vom Sonnenstrahl zum Sonnenhormon
Der lange Weg von der Sonne auf der Haut zum wirksamen Vitamin D

Behauptung:

"Jede Form der Besonnung schadet der Gesundheit: Gesunde Bräune gibt es nicht. Die UV-Strahlen der Sonne richten in jedem Fall Schaden an - auch schon in geringer Dosis. Hautbräune ist ein Zeichen von Krankheit."

Tatsachen:

Allein in den vergangenen Jahren sind jährlich mehr als 1.000 wissenschaftliche Studien von international renommierten Universitäten und Instituten zu den „biopositiven“, gesundheitsförderlichen Wirkungen der UV-Strahlen erschienen.

Das Spektrum der dort beschriebenen Gesundheitswirkungen reicht von    

  • der Steuerung des Knochenstoffwechsels und dem Schutz vor Osteoporose, Osteomalazie, Muskelschwund und Muskelschmerz, über   
  • die Regulierung des Immunsystems und den Schutz vor Autoimmunerkankungen wie Diabetes und Multiple Sklerose,   
  • die Abwehr von Infektionen wie der Grippe,   
  • die Stabilisierung des Herzkreislaufsystems und den Schutz vor Bluthochdruck, Herzinfarkt und Schlaganfall, bis hin zum   
  • Einfluss auf Zellteilung und Zelltod und dem Schutz vor möglicherweise 19 verschiedenen Krebsarten, darunter dem Melanom.

Die Sonne steuert durch das „Sonnenschein-Vitamin“ viele Prozesse im menschlichen Körper

Durch die Sonneneinstrahlung auf der Haut wird in einem komplizierten photochemischen Prozess (s. Abbildung) das lebenswichtige Vitamin D zu etwa 90% gebildet (der Rest wird durch die Nahrung zugeführt). Ein Großteil der menschlichen Gene wird über Vitamin D-Rezeptoren in ihren Funktionen für das menschliche Leben mitbestimmt.  Unzureichende Versorgung mit Vitamin D führt in diesen Genen zu einer unzureichenden Steuerung der Produktion von Proteinen, die ihrerseits verantwortlich sind für die Abwehr von scheinbar völlig verschiedenen Krankheiten wie Krebs, Diabetes oder der Grippe.

Offensichtlich beeinflusst das Vitamin D vor allem die Gesunderhaltung der Zellen im sogenannten Epithel, der äußeren Gewebeschicht unserer Organe und Drüsen, dem Ort, wo die meisten Krebsarten entstehen. Das Absterben entarteter Zellen (Apoptose), sozusagen die "Aufräumarbeit" nach entstandenen UV-Schäden,  wird ebenfalls ganz wesentlich durch Vitamin D gesteuert. Bei Vitamin D-Mangel können sich Krebszellen ungehindert vermehren.

Sonne rettet Leben

US-Forscher haben errechnet, dass durch eine ausreichende Vitamin D-Versorgung etwa 10% aller Todesfälle durch Krebs (alle Krebsarten) vermieden werden könnten. Für Deutschland würde das eine Zahl vermeidbarer Krebstoter von etwa 21.000 (Zahlen des Robert-Koch-Instituts, RKI) bedeuten. Die Zahl der Sterbefälle bei Hautkrebs liegt seit den 70ger Jahren unverändert und in den letzten Jahren tendenziell sinkend  bei etwa 3.000. Der Anteil der durch UV-Strahlen tatsächlich ausgelösten Erkrankungen ist nicht zu ermitteln (zumal eine eindeutige Zuordnung von Melanom-Entstehung zu UV-Bestrahlung bisher nicht gelungen ist), liegt aber mit Sicherheit deutlich unter 30%.

Bräune, der natürliche Sonnenschutz

Selbst wenn man all die vielen positiven Wirkungen der Sonnenstrahlen für die physische und psychische Gesundheit vergessen und nur die Bräunung isoliert betrachten könnte, bleibt der zitierte Satz absurd:

  1. Die Braunfärbung der Haut ist nichts anderes als eine in der Natur und im menschlichen Körper tausendfach zu beobachtende, natürliche Anpassungsreaktion auf einen äußeren "Reiz". Die Haut schützt sich mit der Bräunung vor den negativen Auswirkungen der Strahlen und macht so erst die Nutzung der positiven Kräfte der Sonne möglich. Eine gebräunte Haut ist also eine geschützte Haut. Bräunung dient der Gesunderhaltung der Haut und des gesamten Körpers.
    Unsere Urahnen in den afrikanischen Savannen waren dunkelhäutig (und deshalb nicht weniger gesund!), weil sie einer Sonne nahe dem Äquator ausgesetzt waren, die so stark war, dass ihre Strahlen auch in der tief gebräunten Haut noch die lebenswichtigen Prozesse, wie z.B. die Vitamin D-Synthese, anstoßen konnte. Erst im Lauf ihrer Wanderungen nach Norden änderte sich das: Die schwächeren Sonnenstrahlen konnten ihrer "Gesundheitsfunktion" in der tief dunklen Haut nicht mehr nachkommen und nur die Menschen mit hellerer Hautfarbe überlebten und pflanzten sich fort.
    In anderen Worten: Die helle Haut etwa der Mittel- und Nordeuropäer ist ein "Symptom" für die Lebensnotwenigkeit der Sonnenstrahlen auf die menschliche Haut. Je weniger Sonne, desto weniger sinnvoll der Schutz durch die Bräune. Bei zunehmender Sonnenintensität dagegen wird die Bräune zum notwendigen Regulativ in der delikaten Balance zwischen zu wenig Sonne und zu viel Sonne, zwischen der "guten Sonne" und der "bösen Sonne".
  2. Tatsächlich hat die Wissenschaft denn auch nachgewiesen, dass die Menschen mit dunkler Haut und Menschen, die schnell und leicht bräunen, weniger häufig an Hautkrebs leiden als hellhäutige und nur schwer oder gar nicht bräunende Menschen. Die Reaktion auf die Besonnung, die Bräune, schützt diese Menschen vor den negativen Folgen übermäßiger Strahlen.
    Die Kehrseite der Medaille: Von Natur aus Dunkelhäutige leiden in unseren Breiten, wo die Sonne weniger intensiv strahlt, sehr viel häufiger an den Folgen der übermäßigen "Sonnenabwehr", z.B. an einem Vitamin D-Mangel mit negativen Konsequenzen wie Osteoporose, Autoimmunerkrankungen, Krebs, Entzündungen etc.
  3. Bräune ist also nicht, wie die Sonnen- und Solarien Gegner uns weiszumachen versuchen, ein Zeichen für eine krankhafte Reaktion sondern im Gegenteil: Bräune ist das Anzeichen für die "gelingende Balance von Sonnenschutz und Gesundheit durch Sonnenstrahlen", sie ist Ausdruck eines notwenigen Ausgleichs zwischen "zu viel" und "zu wenig". Eine Balance, die in der kontrollierten Umgebung eines Sonnenstudios um ein Vielfaches leichter und besser gelingt als in der "freien Natur" am Strand oder am Baggersee.
  4. Tatsächlich ist der Bräunungsprozess ein höchst komplexer Anpassungsvorgang, den man bei Strafe gesundheitliche Schäden weder stark abbremsen noch stark beschleunigen sollte. Er beginnt, wenn UV-Licht auf die Zellen der äußeren Hautschicht, der Epidermis, trifft und dadurch in diesen Zellen, den Keratinozyten, die Produktion eines Hormons anregt, das an die tiefer in der Haut gelegenen Zellen, die Melanozyten, weitergereicht wird und dort die Produktion von Melanin, einer Art dunklem Farbstoff anregt. Haben die Melanozyten genügend Melanin hergestellt, reichen sie den Stoff jetzt wieder an die Keratinozyten zurück. Es entsteht eine Hautbräunung.
    Wenn das Melanin in die Keratinozyten eindringt, legt es sich konzentriert über den Zellkern und die darin enthaltenen Erbträger, die DNA. Wie ein Sonnenschirm spannt sich das Melanin über diese empfindlichsten Partien der Zelle und hindert die UV-Strahlen daran, durch ein zuviel an Energie die DNA zu beschädigen.
    Auch hier wieder die Suche nach der optimalen Balance: Ist die Strahlen-Dosis zu hoch und/oder die Bräunung zu gering, kommt es dennoch zu Schäden im Erbgut der Haut. Ist die Strahlendosis zu gering und/oder die Hautbräunung zu stark (oder starke Sonnenschutzmittel tun ihre Wirkung), können die Sonnenstrahlen ihre gesundheitsfördernde und -sichernde Wirkung nicht ausüben - mit fatalen Folgen.

Prof. Michael F. Holick, Doyen der Vitamin D-Forschung:

"Eine mäßige Besonnung ohne Sonnenschutz ist absolut notwendig für die Gesundheit. Unabhängige wissenschaftliche Forschung hat gezeigt, dass - egal ob Sie in einem sonnenreichen oder sonnenarmen Klima leben - der Aufenthalt an der Sonne die Vitamin D-Produktion durch UVB-Strahlen erhöht und damit das Risiko für eine ganzes Bündel von gefährlichen Krankheiten senkt, wie etwa Darm-, Brust- Protata- und Eierstock-Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Multiple Sklerose, und Depression

... Die Entwicklung einer Hautpigmentierung (Bräune) ist nichts mehr oder weniger als ein Zeichen, dass der Körper in normaler, natürlicher Weise und zum Selbstschutz darauf reagiert, dass er einer moderaten, verantwortlichen Dosis an UV-Strahlung ausgesetzt wurde ..."

Fazit: Bräune ist keineswegs ein Anzeichen für krankhafte Prozesse sondern im Gegenteil die gesunde Reaktion der Haut bei der Suche nach der optimalen Balance zwischen zu viel und zu wenig Sonnenstrahlen.

Einige Quellen:

Interviews mit den Professoren Dr. Michael Holick, USA, und Johan Moan, Norwegen, Harald Dobnik, Österreich, Jörg Reichrath und Jörg Spitz, Deutschland

Studie des Robert-Koch-Instituts, Berlin, zum Vitamin D-Mangel in Deutschland:
Interviews mit den Professoren Dr. Michael Holick, USA, und Johan Moan, Norwegen, Harald Dobnik, Österreich, Jörg Reichrath und  Jörg Spitz, Deutschland

Eine Übersicht der Gesundheitswirkungen des Sonnenschein-Vitamins von der berühmten Harvard University: Vitamin D: a bright spot in nutrition research

Wer sonnt lebt länger! W. B. Grant, An estimate of the global reduction in mortality rates through doubling vitamin D levels, European Journal of Clinical Nutrition , 65, 1016-1026 (September 2011)

Die Gesundheitssysteme könnten Milliarden einsparen: A. Zittermann, The estimated benefits of vitamin D for Germany, Molecular Nutrition & Food Research, Volume 54, Issue 8, pages 1164–1171, August 2010

2000mal so viele Lebensjahre gehen weltweit verloren durch Sonnen-Mangel wie durch den Sonnen-Missbrauch (weißer und schwarzer Hautkrebs):
Robyn M Lucas et al., Estimating the global disease burden due to ultraviolet radiation exposure, International Journal of Epidemology, (2008) 37 (3): 654-667.

Sonne und Vitamin D gegen den Krebs:
Cedric F. Garland, et al., Vitamin D Supplement Doses and Serum 25-Hydroxyvitamin D in the Range Associated with Cancer Prevention, Anticancer Research 31: 617-622 (2011)

E. Giovannucci et al., Prospective Study of Predictors of Vitamin D and Cancer Incidence and Mortality in Men, Journal of the National Cancer Institute, April 2006  5;98(7):451-9

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